Meine Kindheit im kommunistischen Georgien

1974, Dorf Jin­va­li (Geor­gi­en)

Pirim­ze Dress­ler – Stim­me aus der Ver­gan­gen­heit
Die­ser Bericht stammt von unse­rer DaZ-Leh­re­rin Frau Pirim­ze Dress­ler, die in der sowje­ti­schen Kau­ka­sus­re­pu­blik Geor­gi­en im kom­mu­nis­ti­schen Sys­tem groß wur­de. Sie wuchs unter so völ­lig ande­ren poli­ti­schen Bedin­gun­gen auf, wie Ihr es Euch viel­leicht gar nicht vor­stel­len könnt. Dar­um ist die­ser Bericht für Euch. Begrif­fe wie Frei­heit, freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit erhal­ten so eine ganz ande­re Bedeu­tung und sind für Frau Dress­ler nicht selbst­ver­ständ­lich. Das soll­te uns leh­ren, wei­ter für die­se Wer­te einzustehen.


Foto: Ich schul­de den wun­der­ba­ren Leh­rern Dank, die mich auf mei­nem Schul­weg von 1977 bis 1988 beglei­tet haben. Dabei sind auch mei­ne Eltern: Tebro­ne Gogo­lau­ri (links oben neben dem Schild) und Niko­los Khut­s­ura­li (ganz rechts neben dem uni­for­mier­ten Wehr­un­ter­richt-Leh­rer). Wir alle haben an das sozia­lis­ti­sche Sys­tem geglaubt.


Kind­heit unter Füh­rung der Arbei­ter­klas­se
Es gibt eine Ein­heits­schu­le. Die Schul­pflicht dau­ert elf Jah­re. Jedes Kind ist sozi­al abge­si­chert. 
Alle Kin­der sind gleich, so zumin­dest der Idee nach. Selbst­stän­di­ges Den­ken und Han­deln wird wenig gefördert.

Pirim­ze Dress­ler als sie­ben­jäh­ri­ge Schülerin

Eine Schul­pflicht besteht ab der ers­ten Klas­se, das Ein­stu­fungs­al­ter beträgt sie­ben Jahre.

Das Noten­sys­tem:
5: Leis­tun­gen  sind her­vor­ra­gend
4: Leis­tun­gen sind nicht super, aber rich­tig gut
3: Leis­tun­gen sind durch­schnitt­lich
2: Man muss das Schul­jahr wiederholen.

Vie­le Spiel­sa­chen hat­ten wir nicht. Schon früh soll­ten die Kin­der im Sin­ne der kom­mu­nis­ti­schen Ideo­lo­gie erzo­gen wer­den, damit sie sich voll­stän­dig mit dem Staat identifizieren.

Im Diens­te der „gro­ßen Idee“
Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on Pio­nie­re (für Kin­der 10–15 Jahre)

von links: Pirim­ze Dress­lers Schul­freun­din Irma und Frau Dress­ler bei den Pio­nie­ren 1981. Irma nahm sich spä­ter das Leben.

Der rich­ti­ge Pio­nier hält das Ver­spre­chen, lernt gut, arbei­tet gut. Er schützt die Hei­mat; Ist gesell­schaft­lich nütz­lich. Ego­is­mus und Raff­gier sind nicht so schön. Dabei wer­den zahl­rei­che Akti­vi­tä­ten wie Spie­le und Sport gepflegt.
Man hofft, dass es dadurch allen gut geht.

Das gro­ße „WIR“ – die kom­mu­nis­ti­sche Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on „Kom­so­mol“
Zie­le:
- gewis­sen­haf­te, ehr­li­che, gesell­schaft­lich nütz­li­che Arbeit                   
- die gesell­schaft­li­chen Inter­es­sen über die per­sön­li­chen stel­len
- im per­sön­li­chen Leben Vor­bild sein
- frei­wil­li­ge Arbeits­ein­sät­ze an Sams­ta­gen zum Wohl der sozia­lis­ti­schen Gesellschaft

„Wir sind gegen Herz­lo­sig­keit und Rück­sichts­lo­sig­keit in mensch­li­chen Bezie­hun­gen.” (eines der Mot­tos von Komsomol)

Die Auf­nah­me in Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on „Kom­so­mol“ erfolgt nach einer Prü­fung.
Die Namen Karl Marx, Fried­rich Engels, Rosa Luxem­burg muss­te man schon kennen.

Auf­nah­me in die kom­mu­nis­ti­sche Jugend­or­ga­ni­sa­ton „Kom­so­mol” 1985, Stadt Dus­he­ti, Georgien

In der The­se war die Sowjet­uni­on ver­pflich­tet, alle Schü­ler sei­en gleich. An den Uni­ver­si­tä­ten Jena, Dres­den, Hal­le, Leip­zig, Karl-Marx-Stadt stu­dier­ten Töch­ter und Söh­ne der obe­ren Mittelschicht.

Ver­gött­li­chung des Staa­tes und die emo­tio­na­le Käl­te
Es wur­de nicht viel über die Reli­gi­on gere­det. Die Psal­men des König David, Maria und Josef, das sind alles nur schö­ne Mär­chen. Es gibt Natur­ge­set­ze und das war es. Mei­ne Schwes­ter Madon­na hat das Evan­ge­li­um nach Mat­thä­us „ent­deckt“, sich ganz inten­siv damit beschäf­tigt und zu Hau­se wur­de Madon­na aus­ge­lacht. Leh­rer­fa­mi­lie(!)
In der Klas­se 9 und 10 fin­det Wehr­un­ter­richt statt. Wir ler­nen, wie man Schuss­waf­fen (Kalasch­ni­kow) aus­ein­an­der- und wie­der zusammenbaut.

Wel­che Vor­bil­der haben wir denn? Was neh­men wir auf dem Lebens­weg mit?
Hier ein Bei­spiel: Gene­ral­feld­mar­schall Pau­lus und der Sohn von Sta­lin kamen gleich­zei­tig in die Gefan­gen­schaft. „Wir tau­schen die Gefan­ge­nen“, soll­te die deut­sche Sei­te vor­ge­schla­gen haben. Dar­auf­hin eine Ant­wort von Sta­lin: „Den ein­fa­chen Sol­da­ten tau­sche ich nicht gegen den General.“

Geplatz­ter Traum
Wir alle haben an das Sys­tem geglaubt. Oft klappt es lei­der nicht alles so, wie die Idee es eigent­lich ver­langt.
Kom­mu­nis­mus beschwört die Revo­lu­ti­on, Abschaf­fung des Staa­tes. Des­halb ist er gegen unse­re Verfassung.

Text und Bil­der von Frau Pirim­ze Dress­ler, Frau Dress­ler, wir dan­ken Ihnen sehr für die­sen per­sön­li­chen Ein­blick in Ihr Leben!

Eine Antwort auf „Meine Kindheit im kommunistischen Georgien“

  1. Sehr geehr­te Frau Dressler,
    dan­ke für die­sen span­nen­den Bericht. Scha­de, dass die Idea­le des Kom­mu­nis­mus meist nur auf dem Papier stan­den, jedoch die Nomen­kla­tu­ra – und da liegt die Par­al­le­le zum Kapi­ta­lis­mus – eben ihre Kom­fort­zo­nen hat­te. Wir zer­leg­ten eben kei­ne Kalasch­ni­kow in der Schu­le, son­dern erst spä­ter, als Wehr­pflich­ti­ge, das G3 von Heck­ler & Koch. Auch wir glaub­ten an unser Sys­tem und fei­er­ten unser Sys­tem, den Ame­ri­can Way of Life, wie die Israe­li­ten das Gol­de­ne Kalb beim Aus­zug aus Ägyp­ten. Gelacht wur­de bei uns aber eher sehr viel und auch heu­te noch – vor allem aus Scha­den­freu­de über Schwächere.
    Ich den­ke, dass wir von Ihrer Jugend­zeit sehr viel ler­nen könn­ten und alle gro­ßen- ISMEN der Welt nur dazu die­nen, die Mensch­heits­fa­mi­lie zu trennen.
    Auch hier galt und gilt immer noch,: ” Tei­le und herr­sche.” Auf bei­den Sei­ten des Eiser­nen Vorhangs.

    Rei­mund Berg, Malberg

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