Erinnerungen an die Novembertage 1989 bis zum Mauerfall am 09.11.

Vom 29.10. bis 10.11.1989 hatte ich das aus heutiger Sicht historische Glück ein Betriebspraktikum in der Landesgeschäftsstelle Berlin der Debeka-Krankenversicherung absolvieren zu dürfen.

Weiterhin hatte ich das große Privileg, dass ich im Rahmen dieses Praktikums dem gleichaltrigen Sohn des damaligen Bezirksdirektors zugeordnet wurde, der daraufhin seinen Vater fragte, was er mit mir anstellen solle, worauf der Vater in Kenntnis der politischen Entwicklungen der vorausgegangenen Wochen und in weiser Voraussicht der folgenden Ereignisse seinem Sohn mit Augenzwinkern den Auftrag erteilte, mir die Stadt zu zeigen.

Als Nachweis, dass ich mich damals tatsächlich auch in Ostberlin aufgehalten habe, bin ich Anfang November 1989 mit 24 Jahren auf dem Foto vor dem „Alten Museum“ am Lustgarten beim Berliner Dom zu sehen.

Also bekam ich nicht nur den Kudamm mit Tauentzienstraße (inklusive Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Europacenter, KaDeWe, Bahnhof Zoo usw.) als damaliges Zentrum Westberlins, sondern auch die weniger bekannten aber nicht minder interessanten Ecken der Stadt gezeigt, an denen sich normalerweise keine Touristen aufhielten.

Westberlin galt damals schon als die Stadt, die nie schläft, weil sich das komplette Stadtleben in sehr engen abgeschotteten Grenzen abspielen musste und zu dieser Zeit die Sperrstunde bereits abgeschafft war, d. h., dass hier keine offizielle Nachtruhe existierte und es für Kneipen, Gaststätten usw.  keine Begrenzung der Öffnungs- und Ausschankzeiten und damit auch keine letzte Bestellung gab.

Also habe ich mich dem Image der schlaflosen Stadt fast zwei Wochen lang angepasst und in dieser Zeit kaum ein Bett gesehen. Stattdessen habe ich sowohl West- als auch Ostberlin sehr intensiv kennengelernt und das kulturelle, gesellschaftliche und politische Leben mit all seinen Facetten und Ausprägungen regelrecht aufgesaugt und verinnerlicht.

Ein weiteres Foto zeigt die Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor vom Westteil aus fotografiert. Das Brandenburger Tor stand also damals auf dem sogenannten Todesstreifen und damit auf dem Staatsgebiet der DDR. Das Durchlaufen des Tores war weder von Westberlin noch von Ostberlin aus möglich.

Vor diesem Hintergrund liefen die deutschen Schicksalstage bis zum Mauerfall für mich wie ein Film ab, in dem ich mich nicht nur als Zuschauer sondern auch als aktiven Teilnehmer wahrgenommen habe, wobei die Tage unmittelbar vor dem Mauerfall mit der spannenden Ungewissheit, wo diese Entwicklung hinführen würde,  für mich wesentlich bedeutsamer waren als der kollektive Freudentaumel am 09.11.89.

In Ostberlin konnte man in den Tagen vor dem 09.11. bereits eine emotional ambivalente (zwiespältige) Stimmung zwischen beklemmender Trostlosigkeit und spannungsgeladenem Aufbruch spüren.

Auf der einen Seite wurde man bei der Einreise nach Ostberlin über den damaligen Grenzübergang Friedrichstraße noch von den DDR-Grenzschutztruppen mit Argusaugen gefilzt und von oben bis unten abgescannt, während bei der größten Demonstration im Vorfeld des Mauerfalls am 04.11.89 am Alexanderplatz die Staatsmacht der DDR ihre Präsenz bereits deutlich zurückgefahren hatte.

Von Ostberlin aus war das Fotografieren der Berliner Mauer streng verboten. Wer dabei erwischt wurde, kam für mehrere Jahre ins Gefängnis. Trotzdem habe ich es gewagt, ein Foto in der Dunkelheit von Ostberlin aus in Richtung Brandenburger Tor mit der dahinterliegenden Berliner Mauer zu schießen.

Am Samstag dem 04.11.89 bin ich noch über den Grenzübergang Friedrichstraße nach Ostberlin eingereist und habe 25,- DM Mindestumtausch bezahlen müssen. Da man in der DDR mit 25,- Ostmark nichts Vernünftiges kaufen konnte, habe ich in einer Kneipe für ein paar Pfennige eine Fassbrause getrunken und den Rest meines Geldes dem Kellner geschenkt.

Der Mauerfall am 09.11. kam dann für mich sehr plötzlich und zu diesem Zeitpunkt völlig unerwartet und so habe ich mich an diesem Donnerstagabend zunächst einmal nur über die vielen hupenden Trabbis gewundert, die mittlerweile bis in die Bezirke Steglitz/Friedenau vorgedrungen waren.

Die PKW-Insassen klebten unter ständigem Kopfdrehen hinter den kleinen Trabbi-Autoscheiben und man hatte den Eindruck, als dürften die Ostberliner im Westteil der Stadt durch die hart erkämpfte Reisefreiheit keine Leuchtreklame oder beleuchtete Glasfassade  verpassen.

Ein weiteres  Foto entstand kurz nach der größten nicht staatlich organisierten Demonstration der DDR mit der berühmten Abschlusskundgebung am Alexanderplatz vor dem Volkskammergebäude am 04.11.89. Die Volkskammer war das pseudodemokratische Parlament der DDR. Demonstrationen für „freie Wahlen, Reisefreiheit, Reformen“  und andere Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung waren in der DDR streng verboten und deshalb könnte man dieses Foto heute in einem Schulbuch für das Fach Geschichte abdrucken. Man beachte auch das Pappschild unten rechts. Die Aufbruchstimmung bzw. der „Wind of Change“, der von dieser Demonstration ausging, entlud sich dann am 09.11.89 im grenzenlosen Jubel des Mauerfalls, wobei ich nach Beendigung der Demonstration am Samstag, dem 04.11.89, in Ostberlin noch nicht daran geglaubt hatte, dass die auf dem Pappschild vor dem Volkskammergebäude geforderte Reisefreiheit bereits fünf Tage später Wirklichkeit wurde.

Die Nachricht von den offenen Grenzübergängen verbreitete sich dann aber wie ein Lauffeuer und die bewegten und unbewegten Bilder dazu sind ja heute jedem interessierten Medienkonsument bekannt und brauchen an dieser Stelle sicherlich nicht beschrieben zu werden.

Selbst am nächsten Morgen dem 10.11.89 kamen mir auf dem Weg von Friedenau zum Flughafen Tegel noch einzelne Trabbis mit staunenden Insassen entgegen.

Leider hatte ich für den 10.11.89 ein Rückflugticket mit British Airways gebucht (auf Grund des Viermächtestatus durfte damals keine deutsche Fluggesellschaft Berlin anfliegen) und so endete mein Berlinaufenthalt an diesem Tag. Die historische Dimension meines zweiwöchigen Betriebspraktikums wurde mir allerdings erst viele Wochen und Monate später so richtig bewusst.

Dieses Foto zeigt ein Patrouillenboot der DDR-Grenztruppen auf der Spree in Höhe des Reichstagsgebäudes. Auf der anderen Spreeseite (hinter dem Patrouillenboot der DDR-Grenzkontrolle) war DDR-Gebiet. Links von dem Boot steht heute das Paul-Löbe-Haus, in dem die Bundestagsabgeordneten ihre Büros haben.

Prüm, im November 2019

Thomas Lauxen
(Zeitzeuge in Bild und Text)

2 Antworten auf „Erinnerungen an die Novembertage 1989 bis zum Mauerfall am 09.11.“

  1. Über die Ereignisse aus der Jahre 1989

    Der Bericht liefert Ansatzpunkte für Alltag und Lebenswelt der Menschen im Herbst 1989. Bald löst sich die DDR auf und die heutigen fünf östlichen Bundesländer treten der BRD bei.
    Man spricht von der ,,Wende“.
    Unterschiede zwischen den beiden deutschen Staaten erkennt der Leser ohne Mühe. Aus dieser Differenz ergibt sich eine Spannung.
    _ Was forderten die Menschen?
    _ politische Mitbestimmung und freie Wahlen.
    Der Mauerfall und Zusammenbruch des Regimes im Jahre 1989 kam plötzlich und völlig unerwartet.
    Aus diesem Bericht konnte ich Informationen über die verschiedenen Bereiche des Lebens entnehmen.

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