75 Jahre Kriegsende – ein Zeitzeugenbericht

Hel­mut (heute 89 Jahre) mit sein­er Frau Christa

Es ist das Jahr 1945. Deutsch­land liegt in Schutt und Asche, 6,3 Mil­lio­nen Tote.  Der Zweite Weltkrieg ist been­det. Ein­er­seits Erle­ichterung. Aber die meis­ten Men­schen ste­hen vor dem Nichts. Im Novem­ber vor genau 75 Jahren began­nen die Nürn­berg­er Prozesse, um die Ver­ant­wortlichen zur Rechen­schaft zu ziehen.

Aus aktuellem Anlass veröf­fentlichen wir die Erin­nerun­gen eines Zeitzeu­gen an die let­zten Kriegs­jahre. Zudem grat­ulieren wir ganz her­zlich: Unser Zeitzeuge feierte näm­lich vor Kurzem seinen 89. Geburtstag.

Auf zur Zeitreise:

Hel­mut Steck­er (damals 13 Jahre) berichtet:
Zir­ka drei Wochen, bevor die Amerikan­er Horn ein­nah­men, mussten sich alle Jun­gen, die 15 Jahre alt waren, melden. Sie soll­ten von Sol­dat­en in Fußmärschen hin­ter die Weser geführt wer­den, um nicht den Amerikan­ern in die Hände zu fall­en. Unser Lehrling Wil­fried Schlüter und andere ver­schwan­den im Wald vor Barn­trup und schlichen sich abseits der Straßen wieder nach Hause und ver­steck­ten sich.

Hel­mut Steck­er 1943 in Uni­form der Hitler-Jugend vor dem elter­lichen Laden (Pol­sterei und Sat­tlerei) im Spiel­mannszug der HJ
Die weit­er mit­marschierten, wur­den jen­seits der Weser in ein­er Schule unterge­bracht. Dabei waren Friedel Rudolf, Friedrich Benkel­berg, Gün­ther Neese und andere. Der Vater von Gün­ther Neese war bei den Feld­jägern (=Mil­itär­polizei). Diese tru­gen eine Kette mit Abze­ichen auf der Brust. Deshalb hießen sie auch „Ket­ten­hunde”. Vater Neese kam mit ein­er Maschi­nen­pis­tole vor dem Bauch auf seinem Krad mit Bei­wa­gen zu dieser Schule. Im Bei­wa­gen hat­te er Lebens­mit­tel für Sohn Gün­ther und seine Kam­er­aden. Als die Jun­gen von den Amerikan­ern erre­icht wur­den, hat man sie sofort ent­lassen. Sie waren ja nicht in Uni­form und auch noch nicht vereidigt.

Bevor mein Vater 1939 Sol­dat wurde, hat­te er noch Her­bert Klein­schlömer aus Schlangen als Lehrling eingestellt. Hein­rich Win­nefeld war bei uns als Meis­ter, wurde dann aber auch Sol­dat. Her­bert machte eine Not-Gesel­len­prü­fung, wurde auch Sol­dat und kam nach Ital­ien. Als die Amerikan­er dort lan­de­ten, wollte er nicht in Gefan­gen­schaft. Also tren­nte er sich von sein­er Uni­form und besorgte sich Zivilk­lei­dung und ein Fahrrad mit einem Spat­en daran und fuhr so in vie­len Tage­se­tap­pen unbe­hel­ligt nach Hause. Nach kurz­er Pause wurde er wieder bei uns eingestellt. Einige Wochen später mussten alle jun­gen Män­ner zu ein­er Kon­trolle. In seinen Wehrpass bekam er den Stem­pel „Deser­teur”.

Fam­i­lie Steck­er ca 1939: Frie­da, Hel­mut, Willy und Irmgard

Wir hat­ten einen aus­ge­baut­en Luftschutzkeller. Der Keller war tief und darüber waren zwei Beton­deck­en. Zusät­zlich war dieser Raum mit Hölz­ern gesichert. Das waren senkrechte Stämme und oben Balken in engem Abstand. Diese waren mit Eisen ver­stärkt, damit sie bei Bomben­ab­wür­fen nicht umfie­len. Jede Fam­i­lie aus der Nach­barschaft hat­te sich eine Ecke „gemütlich” ein­gerichtet. Bei Voralarm musste ich immer die Haustür auf­schließen, weil die Nach­barn kamen.

In den let­zten Tagen vor dem Horn­schen Kriegsende sah ich eine Gruppe rus­sis­ch­er
Kriegs­ge­fan­gener, die von bewaffneten deutschen Sol­dat­en von West nach Ost durch Horn getrieben wur­den. Man gön­nte ihnen wohl nicht, schon einige Tage eher befre­it zu wer­den. Diese Gruppe war ein Elend­shaufen. Sie waren zer­lumpt. Einige mussten gestützt wer­den, weil sie nicht mehr alleine laufen kon­nten. Auf dem Mark­t­platz hat­te Chris­t­ian Geise einen Wagen mit Steck­rüben ste­hen, von dem sich jed­er Russe einen nehmen durfte. Diese Episode hat mich damals sehr bedrückt.

Mein Vater sollte mit den Horn­schen Volkssturm die Extern­steine vertei­di­gen. Kurz vor den Amerikan­ern kam eine SS-Ein­heit. Deren Offizier schick­te den Volkssturm nach Hause mit der Bemerkung: „Wenn die Amis euch sehen, kön­nen sie vor Lachen nicht schießen”. Die Amerikan­er kamen aber nicht wie gedacht über die Kleine Egge, son­dern über den Holzhauser Berg nach Horn. Die Panz­ersperre an der Kleinen Egge und die Vertei­di­gungsan­la­gen am Marken­berg und auf dem Knick­en­hagen waren umson­st errichtet worden.

Hel­mut Steck­er mit seinen geliebten Kaninchen

Horn wurde von ein­er Kom­panie Infan­terie vertei­digt. Es war ein ver­lus­tre­ich­er Kampf. Die deutschen Toten bleiben noch einige Tage in den Straßen liegen. Die Amis nah­men ihre gle­ich mit.

Zwei Häuser wur­den in Brand geschossen: Pumpen-Busch, Herrstraße, und unser Nach­barhaus Lange. Während es bran­nte, kam Opa Lange, der als einziger im Hause geblieben war, in unser Haus ger­an­nt, um Hil­fe zu holen. Eine junge Frau bei uns im Keller dachte, es wären die Amis und sie würde nun verge­waltigt. Sie ver­steck­te sich im hin­teren Keller. Als nicht mehr geschossen wurde, ver­sucht­en wir den Brand zu löschen. Doch Langes Haus bran­nte rest­los ab.

Als sich alles beruhigt hat­te, sagte meine Mut­ter: „Gott sei Dank. Der Krieg ist für uns vor­bei!” und wis­chte das Trep­pen­haus von oben nach unten. Als sie fer­tig war, kam ein Trupp Amerikan­er und beset­zte unser Haus. Wir mussten in fünf Minuten raus sein. In der Aufre­gung nah­men wir Sachen mit, die völ­lig unwichtig waren. Meine Schwest­er nahm Klavier­noten mit und meine Mut­ter eine zer­broch­ene Brotschale. Im Haus Geise am Mark­t­platz war die Woh­nung vom Leit­er der Spar- und Dar­lehenkasse Diekewied leer. Herr Diekewied war Sol­dat und seine Fam­i­lie war bei Ver­wandten. Hier kamen wir unter. Wir schliefen auf dem nack­ten Fuß­bo­den. Meine Mut­ter ging täglich zweimal in unser Haus und ver­sorgte das Vieh. Nach eini­gen Tagen kam sie aufgeregt zurück und rief: „Sie sind weg!” Wir gin­gen sofort zurück und fan­den ein großes Durcheinan­der vor. Alle Schubladen waren her­aus­geris­sen und der Inhalt lag mit­ten im Zim­mer. Alle mit­nehm­baren Wert­sachen fehlten. Den bei­den Häh­nen hat­ten die Amis die Schwänze abgeschnit­ten. Auf dem Werk­statt­tisch waren mit hun­derten von Gurt­nägeln die Buch­staben „USA” genagelt. Auf dem Schreibtisch lag noch unsere Post, die noch alle mit „Heil Hitler” unter­schrieben war. Die Amis hat­ten über­all Hitler durchgestrichen und dafür Roo­sevelt geschrieben.

Heinz Thies, meine Schwest­er Irm­gard und ich hat­ten jeden Sam­sta­gnach­mit­tag Klavierun­ter­richt bei Kirchen­musikdi­rek­tor Otto Müller-Daube. Als wir noch kein Klavier hat­ten, fand der Unter­richt bei Thies auf dem Saale statt. Kurz vor Ende des Kriegs brachte Müller-Dube zwei wer­volle Geigen zu uns. Er meinte, bei zu erwartenden Kriegshand­lun­gen wären sie in Horn sicher­er als bei ihm in Det­mold. Das war ein Irrtum Horn wurde vertei­digt, Det­mold nicht. Als die Amis unser Haus beset­zten, brachen sie die sta­bilen Geigenkästen auf und spiel­ten gekon­nt Geige. Als wir unser Haus ver­lassen mussten, hörten wir im Wohnz­im­mer Klavier, Geige und Gesang. Sie spiel­ten und san­gen den deutschen Schlager „Lili Mar­leen”. Dieser Schlager war, wie ich später las, bei den Amis sehr beliebt (und hat­te auch einen englis­chen Text bekom­men, den Mar­lene Diet­rich schon 1942 im Radio sang). Im deutschen Sol­datensender Bel­grad sang Lale Ander­son jeden Abend um 22 Uhr zum Abschluss des Tage­spro­gramms dieses Lied. Der Sender war in ganz Europa zu emp­fan­gen. (Lale Ander­son hat­te nach Abschluss ihrer Kar­riere auf Lan­geoog ein Café, das sie natür­lich „Lili Mar­leen” nannte.)

Hel­mut Steck­er, ca. 1944

Einige Tage nach der Ein­nahme von Horn und Lippe durch die Amerikan­er kam Bauer Beins aus Hornold­en­dorf mit seinem Plan­wa­gen zu uns und brachte den Wagen voll Led­er­riemen. Diese waren vom Deutschen Mil­itär bei ihm ein­ge­lagert wor­den. Er meinte, wir kön­nten die Riemen wohl gut in der Sat­tlerei ver­w­erten. An allen Riemen­spitzen waren Hak­enkreuze eingeprägt. Von uns fuhr er weit­er nach Rischenau, um seinen toten Sohn zu holen, der dort bei den Kampfhand­lun­gen erschossen wor­den war. Am Bahn­hof in Horn stand ein Güterzug. Dieser war von freigekomme­nen rus­sichen Kriegs­ge­fan­genen aufge­brochen und geplün­dert wor­den. Wir Jun­gen beteiligten uns eben­falls an der Plün­derung. Ich brachte jede Menge Zirkel, die wir heute noch benutzen, mit nach Hause.

In der alten Schule hat­te die Organ­i­sa­tion Todt ein Depot ein­gerichtet. Von dort holte ich Massen an Uni­formknöpfen, die wir in der Pol­sterei ver­w­erten kon­nten. In der Möbelfab­rik Brand in Leopold­stal war ein großes Lager mit Näh­maschienen, Auto­pla­nen mit Tar­nauf­druck und Leinen. Das alles ließ der erste Nachkriegs­bürg­er­meis­ter, August Tölle, zu uns schaf­fen. Mein Vater musste an seine Kol­le­gen Reuter, Fel­brich und Steck­er alles verteilen. Von der Plane nähte ich mir mein erstes Zelt. Das Rohleinen bracht­en wir zum Fär­ben zum Blaufär­ber Klein­sorge in Schwalen­berg. In vie­len Straßen­gräben lagen Tele­fonk­a­bel. Die von den Amis waren dün­ner und geschmei­di­ger. Wir holten uns viele hun­dert Meter und ver­ar­beit­en sie zum Schnüren der Tail­len­fed­ern in unser­er Polsterei.

Wir Jun­gen streiften durch Wald und Feld. Über­all lagen wegge­wor­fene Uni­for­men, Waf­fen und Panz­er­fäuste. Auf dem Pün­gels­berg und hin­term Knick­en­hagen standen Flu­gab­wehrgeschütze. Die inter­essierten uns beson­ders, weil sie noch drehbar waren. Das Hantieren mit Muni­tion war gefährlich. Fritz Schön­lau aus dem Schaf­stall und Redeck­er aus der Helle waren unge­fähr so alt wie ich (13 Jahre). Sie spiel­ten mit Muni­tion. Dabei kam es zu ein­er Explo­sion. Schön­lau wurde schw­er ver­let­zt und Redeck­er starb.

Soweit die Erin­nerun­gen von Hel­mut Steck­er, aufgeschrieben von Armin Lep­age, 9a
Text: Armin Lep­age, 9a
Fotos: pri­vat

12 Antworten auf „75 Jahre Kriegsende – ein Zeitzeugenbericht“

  1. Vor 75 Jahren _ Kriegsende in der Westeifel

    Vielzahl von Luftan­grif­f­en der alli­ierten Bomber zerstörte
    die Städtchen in der West- und der Süde­ifel, aber auch St. Vith.
    Die über Sauer und Our zurück­ge­hen­den Rest­trup­pen­teile der Wehrma­cht ver­mocht­en es nicht mehr,
    eine Vertei­di­gung an der Reichs­gren­ze aufzubauen.
    Zunächst grif­f­en die US-Divi­sio­nen aus Südost-Belgien
    gegen die Schneifel an.
    Die Hochwass­er führen­den Flüsse Our und Sauer
    waren zu überwinden.
    Nach der Über­querung der Sauer bei Weilerbach
    kon­nten US-Divi­sio­nen rasch auf Bit­burg vorstoßen. Sie eroberten ein Trümmerfeld.
    Die aus Gler­vaux herange­führte US-Divi­sion kon­nte die Our
    über eine leichte Pon­ton­brücke überqueren
    und das zer­störte Das­burg einnehmen.
    Am 24 Feb­ru­ar wurde Dalei­den erre­icht, damals Sitz der Amtsver­wal­tung. Als Sym­bol der Inbesitznahme
    hisste ein US-Sol­dat an diesem Gebäude die US-Flagge
    und die Mil­itär­regierung richtete hier
    die erste Ver­wal­tungsstelle auf deutschem Boden ein.

    West­lich­er Mann fühlt sich der Erin­nerungskul­tur Verpflichtet!
    Deshalb sollte an die Tage der Besatzung erin­nert werden,
    an die Zeit, für die es nur noch wenige Zeitzeu­gen gibt.

  2. Ich bin ein ehe­ma­liger britis­ch­er Sol­dat und lebe jet­zt in Rem­mighausen. Ich habe großes Inter­esse am Ende des Zweit­en Weltkriegs und möchte unbe­d­ingt die Berichte der Men­schen aus dieser Zeit lesen. Gibt es noch etwas Ähnliches?

  3. In unser­er Woh­nung hat­ten wir keine Heizung, son­dern nur einen Kohlen­herd in der Küche, auf dem gekocht wurde. Die anderen Räume waren nicht beheizt. Nur am Heili­ga­bend (24. 12.) wurde noch im Wohnz­im­mer der Ofen angemacht. Mit mein­er Mut­ter habe ich im Wald Reisig (kleine trock­ene Äste) und Holz gesam­melt. Außer­dem haben wir fleißig Bucheck­ern aufge­hoben. Diese wur­den zu ein­er Ölmüh­le gebracht denn andere Speiseöle waren knapp. Aus den gesam­melten Wald­beeren (Hei­del­beeren), Him- und Brombeeren kochte meine Mut­ter Marmelade. 

    In der dama­li­gen Zeit wurde möglichst nichts wegge­wor­fen; keine Lebens­mit­tel und auch keine Klei­dung, die immer wieder aus­gebessert und gestopft wurde. Manch­mal kon­nte man sagen: Loch an Loch und hält doch. 

    Die Jun­gen tru­gen damals eine kurze Leder­hose. Diese war zwar teuer, aber eine Anschaf­fung fürs leben. Sie wurde vererbt: vom älteren Brud­er an den jün­geren usw. Am Run­ter­rutschen wurde sie von Hosen­trägern gehin­dert. Der Junge musste ja „reinwach­sen”. Der Vorteil dieser Hose war, dass sie nicht gewaschen und aus­gebessert wer­den musste. 

    Auch spürten die Jun­gen nicht so stark die Stock­hiebe des Lehrers wenn sie bestraft wur­den. Mein Grund­schullehrer hat ein einziges Mal einem Jun­gen den „Hin­tern ver­sohlt”, weil er etwas gestohlen hat­te. Die Prügel­strafe in den Schulen wurde erst 1966 oder 1967 in Nor­drhein-West­fall­en ver­boten. Die son­sti­gen Strafen bestanden aus: in der Ecke ste­hen, zusät­zliche Hausauf­gaben, Nach­sitzen mit Zusatza­uf­gaben, Klassen­raum aufräu­men usw.

  4. His­torisch­er Hin­ter­grund: Am 8. Mai war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Waf­fen schweigen. Man nen­nt diesen Tag auch „Stunde Null”. Die Sieger waren die USA, Sow­je­tu­nion, Großbri­tan­nien und Frankreich.
    Wie auf der Kon­ferenz von Jal­ta im Feb­ru­ar 1945 beschlossen, wird Deutsch­land in 4 Besatzungszo­nen aufgeteilt. Als Amtssprache gilt die Sprache jew­eili­gen Besatzungsmacht.

    Die Men­schen lebten wirk­lich in Trümmern.
    Die Ruinen ver­schwinden in einem Jahrzehnt. Ein amerikanis­ches Reise­büro emp­fiehlt 1958 den Kun­den: „Beeilt euch Deutsch­land zu besuchen, son­st werdet ihr keine Ruinen mehr sehen”.

  5. Lei­der gab es in unser­er Fam­i­lie eine trau­rige Geschichte zum Kriegsende.
    Mein Vater war bis 1945 in amerikanis­ch­er Gefan­gen­schaft. Meine Mut­ter war mit der gemein­samen Tochter Susanne in Rom­mer­sheim bei ihren Eltern, zwei Schwest­ern und einem Brud­er, weil sie nicht alleine in Prüm, in der kleinen Woh­nung sein wollte.
    Bei einem Bombe­nan­griff ging meine Mut­ter bei Alarm mit der Oma und dem Opa in den Schutzkeller gegenüber. Die bei­den Tan­ten gin­gen mit der kleinen 4‑Jährigen Nichte nach. Aber die kleine Sus­sane wollte unbe­d­ingt noch eine Pupe holen.
    Als die drei dann endlich in den Schutzkeller woll­ten, detonierte in dem Moment eine Bombe nach der anderen in der Nähe. Bei­de Tan­ten ver­loren 1 Auge und die kleine Susanne ver­lor auf bei­den Augen das Augen­licht, war also blind.
    Die bei­den Tan­ten und die kleine Susanne kamen nach Bad-Neue­nahr ins Lazarett, dort ist Susanne 2 Tage später verstorben.
    Als mein Vater 2 Monat­en später nach Hause kam, war er auch ver­wun­det. Die Fam­i­lie hat alles dafür gemacht, um die kleine Susanne nach Rom­mer­sheim zu holen. Und dort wurde sie beigesetzt.
    1948 kamen noch eine Tochter, 1949 und 1951 noch zwei Mäd­chen, 1952 mein Brud­er und 1956 noch eine Tochter auf die Welt.
    Ganz oft haben meine Eltern gesagt, auch wenn man noch zehn Kinder bekom­men würde, das erste Kind (das ver­lorene Kind)
    kann man nie vergessen.
    Es gab solange die Eltern gelebt haben, immer ein Gedenken an dem Geburt­stag und an dem Todestag.
    Krieg bringt immer Elend für alle Menschen.

  6. Mein Vater Edmund Müh­lau ist 1927 in Danzig geboren und aufgewach­sen. Zu der Zeit gehörte Danzig zu Deutsch­land, heute heißt die Stadt Gdausk und liegt in Polen.
    Als Jugendlich­er musste er schon in den Krieg ziehen und sich nach Kriegsende allein mit 18 Jahren in den West­en auss­chla­gen, während seine Mut­ter aus Danzig ver­trieben wurde und nach Magde­burg geflo­hen ist.
    Mein Vater hat so viel schlimmes erlebt, dass er nie gerne darüber gesprochen hat.
    Seine Heimat hat er bis zu seinem Tod vermisst.

  7. „Der Schoko­lade­nonkel”
    /nach dem Lehrbuch „Basiswis­sen Deutschland”/

    „Im Som­mer 1948 war ich 10 Jahre alt, also ein kleines Mäd­chen. Ich und meine Mut­ter wohn­ten damals bei mein­er Tante in Her­mes­dorf, einem Stadt­teil von Berlin. Unser eigenes Haus in Schar­lot­ten­burg wurde durch Bomben zer­stört. In unser­er Straße blieb nur ein einziges Haus ste­hen. Ja, ein einziges Haus.
    Meine Mut­ter und die Tante mussten jeden Tag in die Arbeit. Sie mussten die Trüm­mer der kaput­ten Häusern wegräu­men. Stein für Stein. Alle Frauen zwis­chen 15 und 50 Jahren mussten das machen.
    Ich war den ganzen Tage lang in der Schule. Ich bin gern dor­thin gegan­gen, denn dort gab es jeden Tag ein warmes Essen. Zu Hause kon­nten wir nur zu bes­timmten Zeit­en kochen. Die Energie war zu knapp, weil die Gren­ze zu den West­zo­nen geschlossen war. Nie­mand kon­nte über die Gren­ze fahren.
    Alles, was wir braucht­en, auch Kohlen und das Essen, wurde nach Berlin mit Flugzeu­gen aus West­deutsch­land gebracht.
    Die Flugzeuge, die das Essen bracht­en, flo­gen über unser Haus und unseren Garten.
    Dort gab es ein beson­deres Flugzeug, das Süßigkeit­en und Schoko­laden abge­wor­fen hat. Ich hab lei­der nie was bekom­men und Schoko­lade gab es nur auf dem Schwarzmarkt.
    Ich habe mich ein­fach hinge­set­zt und an den Piloten einen Brief geschrieben:
    „Lieber Schoko­lade­nonkel, kannst du nicht mal eine Schoko­lade über unserem garten abwerfen?”
    Ich habe ihm genau beschrieben, wie unser Garten aussieht und dass es dort weiße Hüh­n­er gibt.
    Dann hab ich jeden Tag im Garten nach den Schoko­laden gesucht.”

  8. Erin­nerungskul­tur und Vergangenheitsaufarbeitung

    Hel­mut Steck­er berichtet über seine Zeit. Dien­stpflicht, Tod und Über­leben, in Trüm­mern liegende All­t­agswelt – hat er miter­lebt. Es gab nicht viel, woran man sich fes­thal­ten konnte.
    Das Ende des Krieges war zugle­ich der Beginn des neuen Zeital­ters. Alles musste von vorne, wieder von Null aufge­baut wer­den. Die Nachkriegszeit war vom Wieder­auf­bau der Städte und Dör­fer geprägt und darauf darf die Gen­er­a­tion von Hel­mut Steck­er zu recht stolz sein.
    Heute gibt es noch weltweit direk­te Wider­spiegelung der gesellschaftlichen Real­ität von 1945: Kälte und Hunger, Kriege, Umweltzer­störung. Und die Welt schaut mit Hoff­nung auf das Heimat­land von Hel­mut Stecker.

  9. Wollen wir hof­fen, so etwas nicht mehr zu erleben!

    Frie­da, geboren 1948 in Ahrweil­er erzählt:
    Die Amerikan­er haben Milch­pul­ver an einem Hausarzt für seine Patien­ten gegeben. Der Hausarzt hat diese Milchpulver
    mein­er Mut­ter gegeben
    und damit habe ich überlebt.

    Agnes, geboren 1925
    1944, im Herb­st vor Kriegsende ging es den Leuten hier sehr schlecht. Durch die ständi­ge Bom­bardierung kon­nte die Ernte nicht ganz einge­fahren wer­den und auch die Kartof­fel kon­nten nicht geern­tet werden.
    Die amerikanis­chen Sol­dat­en gin­gen von Haus zu Haus und trieben alle Leute, die nicht inzwis­chen geflüchtet waren,
    zusam­men. Dann wur­den alle reg­istri­ert und auf ver­schiedene Häuser verteilt, wo sie bleiben mussten.
    Mor­gens und abends durften die Leute, die Vieh hat­ten nach Hause, um zu melken und das Vieh zu versorgen.
    Als die Amerikan­er hier abzogen,
    wur­den wir franzö­sis­che Besatzungszone. Da wurde es ganz schlimm. Wir kon­nten zwar zurück in unsere Häuser,
    aber vieles war durch Bomben zer­stört und wir waren bettelarm.
    Trotz­dem ver­langten die Fran­zosen, dass wir ihnen Lebens­mit­tel und Vieh abgeben mussten, obwohl wir selb­st kaum etwas hatten.
    Es gab Suppe aus Ger­sten­schrott und wir hat­ten Milch und But­ter und kon­nten Brot backen.
    Es gab wed­er Salz noch Zuck­er, aber alle halfen sich gegen­seit­ig, um die schwierige Zeit zu überleben. 

    Matthias, geboren 1929
    Ich war an dem Tag, als die Amerikan­er kamen, bei meinem Opa. Frauen und Kinder waren in den Harz geflüchtet.
    Opa und ich waren zu Hause geblieben, um das Vieh zu versorgen.
    An diesem Tag hörten wir aus der Ferne Geräusche,
    die uns unbekan­nt waren. Um bess­er sehen zu kön­nen, klet­terte ich In der Sche­une zum Fen­ster hoch und sah
    „ein schwarzes Meer” an Sol­dat­en auf der Anhöhe. Opa und ich wur­den sofort mitgenom­men, durften nicht mehr ins Haus und kon­nten noch nicht mal etwas zu Anziehen mitnehmen. 

    Aus allen anderen Häusern wur­den eben­falls die Leute zusammengetrieben.
    Der ganze Tross unter bewaffneter Begleitung der amerikanis­chen Sol­dat­en musste zu Fuß in den Nach­barort gehen.
    Dort wur­den alle Per­so­n­en reg­istri­ert und einige Tage festgehalten.
    Danach durften aber alle wieder zurück in ihre Häuser.

    Inge, geboren 1935
    Im Herb­st 1944 und zu Beginn des Jahres 1945 wurde meine Heimat stark bombardiert.
    Nachts schliefen wir und viele Leute aus unser­er Straße zur Sicher­heit immer im Keller der Schule, die in unser­er Nach­barschaft war. 

    Tagsüber wurde die Arbeit in der Land­wirtschaft und mit Vieh gemacht.
    As die amerikanis­chen Sol­dat­en kamen, wur­den alle aus den Kellern und Häusern zusam­mengetrieben und in eine Gaststätte
    gebracht. Bet­ten gab es kaum. Um nicht auf dem Boden zu schlafen, haben wir mit 4 Per­so­n­en in einem Bett gelegen. 

    Meine Fam­i­lie hat­te Glück. Da die Schreib­stube der Amerikan­er in unserem Haus war, durften wir eher in unser haus zurück. 

    Ganz schreck­lich für mich war:
    als wir im Geleitzug durch das Dorf getrieben wur­den, mussten wir an den deutschen Sol­dat­en, die festgenom­men waren, vor­bei. Sie wur­den von schw­er bewaffneten Sol­dat­en bewacht und anschließend in Gefan­gen­schaft gebracht.

  10. Es gab eine große Woh­nungsnot. Ich kann mich daran erin­nern, dass Kino aufgeräumt wor­den ist und in dem großen Raum Leinen ges­pan­nt waren, an denen Deck­en aufge­hängt waren. Zwis­chen diesen Deck­en haben Fam­i­lien „gehaust”.
    Meine Eltern und ich waren in einem Ein­fam­i­lien­haus unterge­bracht. Es wohn­ten dort im Erdgeschoss die Eigen­tümerin mit ihrem erwach­se­nen Sohn, in der ersten Etage meine Eltern und ich, auf dem Dachbo­den eine Fam­i­lie aus Schle­sien mit 5 oder 6 Kindern. Im ganzen Haus gab es nur ein Badezimmer. 

    Lebens­mit­tel waren knapp. Die Art und Menge wurde zugeteilt. Meine Schwiegermut­ter hat mir erzählt, dass mein Mann als klein­er Junge aus seinem Bettchen gek­let­tert ist und hat die let­zte Scheibe Brot, die Fam­i­lie noch hat­te, aufgegessen hat. Das Brot sollte sein Vater am näch­sten Tag mit zu sein­er zehn­stündi­ger Arbeit in ein­er Drahtzieherei nehmen.

    Mein Vater fuhr oft zum „Ham­stern”. Das bedeutet, dass er mit Bauern Schmuck oder ähn­lich­es gegen Kartof­feln, Eier, Mehl usw. getauscht hat. Manch­mal durfte ich mit ihm fahren. Dann mussten wir erst an einem Panz­er vor­bei und dann durch den Wald radeln. Ein­mal hat­te ich ganz großes Glück. Eine Bäuerin bere­it­ete ger­ade eine But­terkrem­torte vor. Ich durfte mich mit ihren Kindern in eine Rei­he stellen und den Mund auf­machen. Jede bekam einen Tupfen But­terkrem auf die Zunge gespritzt. 

    Wir waren auch nicht modisch gek­lei­det. Ich kann mich mit Grausen an meinen grü­nen Anzug erin­nern, die aus ein­er Uni­form genäht wor­den ist. Meine Ober­schenkel wur­den davon ganz wund und wur­den abends mit Bor­salbe eingeschmiert, die furcht­bar bran­nte. Eine Tante schick­te Pakete mit abgelegter Klei­dung ihrer bei­den Kinder, die dann für mich geän­dert wurde.

  11. Die Befragten waren damals Kinder. Mit den Erin­nerun­gen kamen auch Tränen.

    Hilde­gard, geboren 1950 erzählt:
    Wir soll­ten uns heute nicht viel bekla­gen wegen der Krise. Das ist nicht die erste Krise, die die Welt kennt.
    Mein Vater war bei der Marine auf einem U‑Boot von Norwegen.
    Als er nach Hause ankam, waren seine Eltern, also meine Großel­tern auf dem Feld. Er lief sofort dor­thin. Aber er hat seinen Vater nicht erkan­nt. So abgemagert sei der gewesen. 

    Maria, geboren 1939
    Als die Front immer näher rückte
    und wir unter Artilleriebeschuss geri­eten, wurde der Keller so herg­erichtet und Platz geschaf­fen, dass wir dort mit 6 Per­so­n­en schlafen kon­nten. Da es aber Win­ter war, wurde es kalt und feucht.
    Auf den Dampfloko­mo­tiv­en wur­den Kohlen gestohlen, damit man im kalten Win­ter etwas zum Heizen hatte.
    Da stellte das Kloster in unserem Ort den Fam­i­lien die leer ste­hen­den Zim­mer zur Verfügung.
    Mein Vater und meine Tante gin­gen täglich mor­gens und abends das Vieh versorgen.
    Von den Bomben wurde die Brücke zer­stört und eben­falls die Bahngleise.
    Nach Kriegsende durften alle zurück in ihre Häuser, soweit diese noch bewohn­bar waren.
    Man begann alles pro­vi­sorisch zu flick­en und wieder herzurichten.
    Wir hat­ten eine kleine Land­wirtschaft, so dass wir keinen Hunger lei­den mussten.
    Eines Tages wollte mein Vater aufs Feld, um nach dem Getrei­de zu schauen. Meine Mut­ter warnte ihn, vor­sichtig zu sein, da über­all noch Minen und Granat­en herumlagen.
    „Weiberquatsch”, sagte damals der Vater.
    Meine Mut­ter hat­te einen guten Grund: Vorher hat­ten 2 Jun­gen aus unser­er Nach­barschaft beim Spie­len schon Granat­en gefun­den und ein­er kam zu Tode.
    Auch mein Vater erlitt ein ähn­lich­es Schick­sal. Er trat auf eine Granate. Damit kon­nte er nicht mehr viel in der Land­wirtschaft arbeit­en und wir waren oft auf Nach­barschaft­shil­fe angewiesen.

    In vie­len Dör­fern hier, in der Eifel gescha­hen nach dem Krieg ähn­liche Unfälle mit Granat­en: Fin­ger oder Arm abgeris­sen, auch Todesfälle.

    Sophie, geboren 1937
    Auf unserem Bahn­hof stand noch ein allein­ge­lassen­er Güterzug mit Muni­tion und Tankwagen.
    Unsere Gegend wurde täglich bom­bardiert und nachts haben wir zur Sicher­heit im Keller geschlafen.
    Am 15 Jan­u­ar 1945 erfuhr ein­er der Sol­dat­en, dass um 11 Uhr der Bahn­hof und der Zug bom­bardiert würde.
    Doch die Bomben kamen viel früher, als angegeben war und die Leute befan­den sich noch nicht im Keller.
    Plöt­zlich gab es einen ohren­betäuben­den Knall, als die ersten Bomben unser Nach­barhaus trafen.
    Durch den Luft­druck platzten unsere Fen­ster und flo­gen mit Schutt und Staub in die Stube. Auch das Kreuz fiel von der Wand. Ein­er der Sol­dat­en drück­te mir das Kreuz in die Hand und sagte: „ Halte es gut fest.” 

    Im Feb­ru­ar beset­zten Amerikan­er unser Dorf.
    Mein Onkel brachte uns Stroh von zu Hause mit, denn es war Win­ter und bit­ter kalt.
    Die amerikanis­chen Sol­dat­en gaben uns ihre Pferd­edeck­en, die aber oft voll Läuse und Flo­he waren. Aber sie wärmten uns.

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